Pressekritik · Tomasz Kożuch
Die Geometrie der Einsamkeit. Kane Parsons und sein erbarmungsloses Labyrinth der liminalen Angst
Der Schritt vom Internet-Kurzfilm zum abendfüllenden Spielfilm erfordert eine Reife, die Kane Parsons in seinem Werk eindrucksvoll unter Beweis stellt. „Backrooms – Kein Ausweg“ ist ein langsamer, präzise konstruierter Psychohorrorfilm, der unendliche Flure in eine furchterregende Resonanzfläche der menschlichen Psyche verwandelt.

Rezensierter Film
Backrooms (2026)
Horror · Tajemnica · Sci-Fi · 1h 51min
Kane Parsons erweitert das Konzept seiner Kurzfilme auf eine Spielfilmlänge von knapp zwei Stunden und setzt dabei auf einen äußerst methodischen, geradezu asketischen Spannungsaufbau. Der Regisseur verzichtet ganz bewusst auf billige, konventionelle Schockeffekte, die auf Lärm und aggressiver Montage basieren. Stattdessen präsentiert er dem Publikum einen reifen Psychohorror mit klar akzentuierten Sci-Fi-Elementen. Zum Schlüssel seiner Inszenierung wird ein außergewöhnliches Gefühl für Proportionen: Parsons balanciert perfekt zwischen der kammerspielartigen Intimität zwischenmenschlicher Beziehungen und dem überwältigenden, nahezu kosmischen Ausmaß einer absolut fremden, unbegreiflichen Welt.
Die visuelle und auditive Form erweist sich hier unbestreitbar als zentrales Werkzeug zur Erzeugung eines klaustrophobischen Absurdums. Im Bereich der Kameraarbeit dominieren sterile, vergilbte und verblasste Tapeten, die vor dem Objektiv die Dimension eines wahrhaftigen, physischen Albtraums annehmen. Einstellung für Einstellung folgen wir dem unendlichen Gewirr von Fluren, wobei die Kameraführung das Gefühl völliger räumlicher Orientierungslosigkeit verstärkt. Ebenso meisterhaft ist die Soundkulisse gestaltet. Die Tonebene stützt sich auf mikroskopische Nuancen — das monotone, hypnotische Summen der Leuchtstoffröhren, der dumpfe Nachhall von Schritten auf billigem Teppichboden und eine bedrohliche, geradezu greifbare Stille sorgen dafür, dass das Ungesagte und jenseits des Sichtbaren Verborgene weitaus mehr verängstigt als die direkte Konfrontation mit dem Unbekannten.
Darstellerisch findet das Projekt eine außerordentlich starke Stütze in prägnanten, gründlich durchdachten Darbietungen. Die Figur von Clark sowie seine Therapeutin, feinfühlig verkörpert von Renate Reinsve, bilden das emotionale und psychologische Fundament der gesamten Geschichte. Reinsve bringt eine berührende Ausgewogenheit in den Film und verleiht den Praxisszenen das notwendige dramatische Gewicht. Zudem liefern Chiwetel Ejiofor und Mark Duplass absolut überzeugende Leistungen ab, die der Geschichte angesichts einer das menschliche Fassungsvermögen übersteigenden Situation eine realistische, menschliche Note verleihen. Die Besetzung von Schauspielern wie Finn Bennett, Lukita Maxwell, Avan Jogia, Ember Ambrose und Robert Bobroczkyi bringt eine spezifische, eigentümliche Dynamik ein, die perfekt mit dem Surrealismus der dargestellten Welt räsoniert.
Auf der Subtextebene wird „Backrooms – Kein Ausweg“ zu einer faszinierenden, vielschichtigen Metapher für eine psychische Krise und das allmähliche Abgleiten in absolute Isolation. Der unter einem gewöhnlichen Geschäft verborgene Durchgang sowie die anfängliche Hypothese bezüglich der Halluzinationen und der fortschreitenden Verschlechterung des psychischen Zustands des Protagonisten eröffnen ein breites Interpretationsfeld. Parsons stellt Fragen nach der fließenden Grenze zwischen einer tiefgreifenden Wahrnehmungsstörung und einem realen, physischen Bruch der Raum-Zeit-Kontinuität. Es ist eine ergreifende Studie darüber, was mit dem menschlichen Dasein geschieht, wenn alle Bezugspunkte vollständig verloren gehen und Raum und Zeit unwiderruflich dekonstruiert werden.
Der Film ist jedoch nicht gänzlich frei von inszenatorischen und strukturellen Schwächen. Stellenweise verliert die Narration im Mittelteil ihr präzise gesetztes, dynamisches Tempo. Die Ausarbeitung des Such- und Ermittlungsstrangs auf Kosten der reinen, kompromisslosen Erkundung der gelben Flure könnte bei Zuschauern, die ununterbrochene Action erwarten, ein leichtes Gefühl der Unzufriedenheit hinterlassen. Die Laufzeit von einer Stunde und einundfünfzig Minuten macht sich in Passagen bemerkbar, in denen die bewusste Wiederholung der Kulissen die existenzielle Angst nicht mehr verstärkt, sondern sich gefährlich einer narrativen Monotonie annähert.
Trotz dieser kleinen Längen bleibt Parsons’ Werk ein ausgesprochen wertvoller Beitrag, der sich an ein Publikum richtet, das im Horrorkino vor allem nach einer dichten, einzigartigen Atmosphäre, nach Geheimnissen und einem visuellen, minimalistischen Absurdum sucht. Dem Regisseur gelingt ein reifes und eigenwilliges Werk, das den Zuschauer nach dem Kinobesuch mit einem Gefühl tiefen Unbehagens und fundamentalen Fragen über die Beständigkeit und Authentizität unserer umgebenden Realität zurücklässt.