Pressekritik · Tomasz Kożuch

Im Gefängnis des eigenen Geistes. Filmkritik zu „OtherLife“ von Ben C. Lucas

Der australische Konzept-Thriller von Ben C. Lucas beweist, dass die interessanteste Science-Fiction nicht in kostspieligen Effektlaboren entsteht, sondern an der Schnittstelle von wissenschaftlichem Idealismus und moralischer Unruhe. „OtherLife“ ist eine intime, aber äußerst elegante Zukunftsvision, in der der menschliche Geist zur ultimativen Falle wird.

25. August 2026Regie Ben C. LucasKritikerbewertung 7.5/10
Filmplakat zu OtherLife

Rezensierter Film

OtherLife (2017)

Sci-Fi · Kryminał · Tajemnica · 1h 36min

Ben C. Lucas baut seinen Konzept-Thriller auf ein Fundament, das Liebhabern des modernen Science-Fiction-Kinos bestens vertraut ist, und nähert sich in der Prägnanz seiner Vision den besten Episoden des kultigen „Black Mirror“. Die Hauptfigur, die geniale Programmiererin Ren Amari, entwickelt eine biologische Substanz, die es ermöglicht, kondensierte virtuelle Erfahrungen direkt in das Gehirn einzuspielen. Für die Testperson dauert eine solche Episode gefühlt Tage oder Wochen, während in der realen Welt nur wenige Sekunden vergehen. Dem Regisseur gelingt es äußerst geschickt, die Intrigenspinne an der Schnittstelle zwischen wissenschaftlichem Idealismus und rücksichtslosem geschäftlichem Pragmatismus zu entfalten. Lucas führt die Regie mit fester Hand in Richtung eines düsteren psychologischen Dramas und zeigt, wie eine edle Innovation zur Heilung von Traumata im Handumdrehen zu einem Unterdrückungsinstrument und einem potenziellen Allheilmittel für die Justiz wird.

In formaler Hinsicht bewahrt die Produktion eine bewundernswerte Zurückhaltung und verwandelt budgetäre Einschränkungen in einen unbestreitbaren ästhetischen Vorteil. Der Regisseur und sein Kameramann erschaffen eine sterile, geradezu klaustrophobische Atmosphäre in den Laborinnenräumen, in denen das Licht mit chirurgischer Präzision eingesetzt wird. Statt mit digitalem Feuerwerk zu klotzen, konzentriert sich das Objektiv der Kamera auf enge Nahaufnahmen von Gesichtern, subtile Details und Mikroexpressionen, was den Geisteszustand der in der Falle ihres eigenen Nervensystems gefangenen Figuren perfekt widerspiegelt. Eine Schlüsselrolle spielt hier auch der Schnitt – durch abrupte Schnitte und sprunghafte Manipulationen der Raumzeit lassen die Macher uns die Wahrnehmungsstörung der Protagonistin beinahe physisch spüren. Abgerundet wird diese hypnotisierende Inszenierung durch einen zurückhaltenden Soundtrack, der mit beunruhigenden, pulsierenden Tönen eine Atmosphäre zunehmender Paranoia und Orientierungslosigkeit aufbaut.

Eine tragende Säule des Films ist die Darstellung von Jessica De Gouw, die die Rolle der Ren mit erstaunlicher Reife und emotionaler Komplexität verkörpert. Die Schauspielerin bringt die Nuancen ihrer Rolle hervorragend zur Geltung und balanciert zwischen wissenschaftlicher Obsession, unterdrücktem Trauma aus der Vergangenheit und einem verzweifelten Kampf um den Erhalt der eigenen Identität. Ihr Gesicht wird zur Leinwand, auf der sich die gesamte Last der ethischen Konsequenzen ihrer eigenen Entdeckung widerspiegelt. Ihr Spielpartner T.J. Power bietet als kühl kalkulierender Geschäftspartner den perfekten Kontrapunkt. Power erschafft eine Figur ohne billige Dämonie; er verkörpert schlicht das herzlose, korporative Denken, das auf Profit und Effizienz ausgerichtet ist, was diese Gestalt des Marktpragmatikers umso bedrohlicher macht.

Unter der gekonnt konstruierten Schicht eines spannenden Thrillers verbirgt „OtherLife“ tiefe philosophische und ethische Fragen. Der Film greift mutig die Problematik der Bestrafung und das Konzept des Strafvollzugs im 21. Jahrhundert auf. Lucas zwingt uns zu der Überlegung, ob das Einsperren eines Verurteilten in eine virtuelle Zelle für mehrere Jahrzehnte innerhalb weniger Sekunden der Realzeit eine humane Alternative zum traditionellen Strafsystem darstellt oder vielmehr eine raffinierte, ultimative Form psychischer Folter ist. Der Filmemacher erforscht feinfühlig die dehnbaren Grenzen der menschlichen Wahrnehmung und stellt die treffende Frage nach dem, was unsere Realität tatsächlich definiert: objektive, messbare Fakten oder subjektive, manipulierbare Erinnerungen.

Trotz seiner zahlreichen Qualitäten entgeht das Drehbuch leider nicht gewissen Vereinfachungen, die besonders im Finale des Werks deutlich werden. Im dritten Akt beginnt die bis dahin präzise gewobene Dramaturgie etwas zu stark auf ausgetretene Kinoschemata und vorhersehbare Wendungen zu setzen, was die Durchschlagskraft des ursprünglichen, äußerst frischen Konzepts geringfügig schwächt. Einige der Nebenhandlungsstränge wirken stiefmütterlich behandelt, und das holprige Erzähltempo in Schlüsselmomenten legt nahe, dass es die Macher etwas zu eilig hatten, die komplexe Intrige zu Ende zu führen.

Unabhängig von diesen kleinen Stolpersteinen ist das Werk von Ben C. Lucas eine in jeder Hinsicht empfehlenswerte Position für Liebhaber intelligenter Science-Fiction. Sicherlich werden es Zuschauer zu schätzen wissen, die im Genre-Kino nach einem gekonnt erzählten Geheimnis und einem Anlass für vertiefte Diskussionen über die ethischen Grenzen der Biotechnologie suchen und psychologischen Realismus effektvollen, aber leeren Computereffekten vorziehen.

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