Pressekritik · Tomasz Kożuch
Ein Preisschild für die Würde. Konsumtempel und moralische Kälte in „Galerianki“
Kasia Rosłaniec' Debüt aus dem Jahr 2009 erschütterte die polnische Öffentlichkeit, indem es einen kompromisslosen Blick auf eine Generation warf, die im Schatten von Einkaufsmeilen aufgewachsen ist. „Galerianki“ ist keine billige Sensationslust, sondern ein raues, mit inszenatorischer Strenge gezeichnetes Protokoll des moralischen Verfalls Minderjähriger. Die Regisseurin blickt ungeschönt auf einen Prozess, in dem das Versprechen von Luxus die einfachsten Werte überlagert.
des Kritikers

Rezensierter Film
Galerianki (2009)
Dramat · 1h 17min
Kasia Rosłaniec betritt das polnische Kino mit kompromissloser Energie und verwandelt die glänzenden Konsumtempel in die Kulisse einer modernen Gesellschaftstragödie. Die Regisseurin sucht weder die billige Sensation noch das Zurschaustellen von Pathologie, sondern betrachtet mit kühler, beinahe soziologischer Präzision die schrittweise Zerstörung der Empathie ihrer Protagonistinnen. Die kurze Laufzeit erfordert ein straffes Tempo und eine extrem verdichtete Erzählweise, die ohne überflüssige Schnörkel auskommt. Rosłaniec baut konsequent eine Welt auf, in der die Ästhetik der modern gestalteten Einkaufszentren drastisch mit der Herzlosigkeit, der emotionalen Kälte und der Lethargie im Elternhaus der Mädchen kontrastiert.
Die visuelle Gestaltung des Films basiert auf der ständigen, durchdachten Gegenüberstellung einer sterilen, farbintensiven Konsumwelt und dem grauen, geradezu anämischen Alltag der Figuren. Die Kamera beobachtet die Mikrogesten der Mädchen äußerst aufmerksam und unterstreicht ihre fundamentale Orientierungslosigkeit inmitten der von Waren überquellenden Regale, die in ihren Augen zum einzigen Synonym für ein besseres Leben werden. Halbnahe Einstellungen und Nahaufnahmen vermitteln perfekt das Gefühl des Eingeschlossenseins. Die Tonebene und der dynamische Schnitt unterstreichen wiederum gekonnt den pulsierenden, fiebrigen Rhythmus der modernen Stadt und bauen eine dichte Spannung um die moralischen Entscheidungen auf, vor denen die in dieses spezifische Milieu eintretende Ala steht.
Das Herzstück des Films sind zweifellos die Darbietungen der jungen Schauspielerinnen, allen voran die hervorragende Anna Karczmarczyk als misstrauische, verunsicherte Ala sowie die äußerst überzeugende Dagmara Krasowska als zynische, provokante Milena. Das jugendliche Ensemble wird von Dominika Gwit-Dunaszewska und Magdalena Ciurzyńska treffend ergänzt, die eine nuancierte und glaubwürdige Peergroup formen, in der der Gruppenzwang zu einer zerstörerischen Kraft wird. Im Hintergrund setzen etablierte und erfahrene Schauspieler wie Izabela Kuna, Artur Barciś, Izabela Dąbrowska oder Ewa Kolasińska-Szramel überaus starke Akzente. Ihre Präsenz, obwohl oft auf wenige ergreifende Szenen beschränkt, hebt die Hilflosigkeit, Passivität und geradezu erschütternde Blindheit der Erwachsenenwelt gegenüber den destruktiven Problemen der heranwachsenden Kinder hervor.
Zum zentralen Motiv des Werks wird das verdrehte, geradezu tragische Verständnis eines „guten Lebens“, das sich für die heranwachsenden Protagonistinnen einzig auf den Besitz eines schicken Telefons, von Markenkosmetik oder modischer Kleidung reduziert. Rosłaniec zeigt präzise, wie materielle Defizite in Kombination mit emotionaler Leere und schwierigen Familienverhältnissen junge Mädchen rasch dazu verleiten, die eigene Würde und Körperlichkeit rein transaktional zu behandeln. Der Film diagnostiziert treffsicher eine tiefe Autoritätskrise sowie die völlige Scheinhaftigkeit jugendlicher Freundschaften, in denen die Beziehung zwischen Freundinnen auf dem gemeinsamen Wunsch basiert, teure Geschenke zu ergattern und bereit zu sein, immer weitere Grenzen zu überschreiten.
Trotz seiner starken und kompromisslosen Botschaft ist Rosłaniec' Werk nicht frei von Schwächen, was die kühlere Aufnahme durch einen Teil der Kritik und des Publikums vollkommen erklärt. Stellenweise verfällt das Drehbuch in zu plakative, beinahe publizistische Vereinfachungen, und die gesellschaftlichen Diagnosen werden mitunter zu grob gezeichnet, ohne den gebührenden Raum für Grautöne zu lassen. Die Raffung einiger Nebenhandlungsstränge geht zu Lasten der psychologischen Tiefe der Nebenfiguren, wodurch die Motivationen und plötzlichen Entscheidungen mancher Charaktere dem Publikum als eine zu oberflächliche und einer vorgefassten These untergeordnete Konstruktion erscheinen können.
„Galerianki“ bleibt dennoch ein äußerst wichtiger Beitrag für Zuschauer, die im polnischen Kino nach kompromisslosen Auseinandersetzungen mit der gesellschaftlichen Realität der Jahrtausendwende suchen. Dieser Film wird mit Sicherheit ein Publikum ansprechen, das engagiertes Kino schätzt, welches davor nicht zurückschreckt, Tabuthemen anzusprechen, das Wohlbefinden des Zuschauers zu erschüttern und zu einer schwierigen, schmerzhaften Diskussion anzuregen. Es ist eine raue, von billigen Verschönerungen freie Bestandsaufnahme eines beunruhigenden Phänomens, die auch Jahre nach ihrer Premiere eine ergreifende und aktuelle Warnung vor der Falle des reflexionslosen Konsumismus bleibt.



